Panorama der Ausgrabung von Herculaneum: Bogenreihe der Bootshäuser unten, die Terrasse mit dem Altar des Balbus, dahinter die freigelegten Häuser, oben das moderne Ercolano und der Vesuv.
Die Ausgrabung von Herculaneum von der Zugangsrampe aus: unten die Bootshäuser am antiken Strand, darüber die Terrasse des Marcus Nonius Balbus, die Stadt und der Vesuv; oben das heutige Ercolano. Aufnahme vom 27. März 2023. Diego Delso · CC BY-SA 4.0

Italien · Römische Welt

Herculaneum.
Die kleine Schwester, die mehr bewahrt.

Von der Rampe siehst du die Stadt von oben: Bogenreihen am Strand, Häuser mit Obergeschossen, darüber die Dächer des heutigen Ercolano. Pompeji wurde von Bimsstein verschüttet, Herculaneum von Glutströmen begraben. Das machte den Unterschied: Hier blieb Holz, hier blieben Bibliotheken, hier blieben die Menschen am Strand.

79n. Chr.
Auswahl: 600 v. Chr.–79 n. Chr.8 Kapitel
Die Geschichte
Kleiner als Pompeji, tiefer begraben.

Herculaneum lag auf einem Vorsprung direkt am Meer, zehn Kilometer von Pompeji entfernt, mit rund 4.000 Einwohnern eine kleine, wohlhabende Stadt. Am 79-Ausbruch des Vesuv erreichte sie zuerst kaum Bimsstein, dann in der Nacht Glutwolken von rund 400 Grad, die alles unter zwanzig Metern verfestigtem Vulkanmaterial begruben. Deshalb stehen hier Obergeschosse, Holztüren und Betten, deshalb liegt der größte Teil der Stadt bis heute unter dem modernen Ercolano. Seit 1997 gehört Herculaneum mit Pompeji und Oplontis zum UNESCO-Welterbe. Quelle: UNESCO · Archaeological Areas of Pompei, Herculaneum and Torre Annunziata

Zeitsprünge

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01Um 600 v. Chr.Anfänge

Eine Stadt auf dem Vorsprung.

Der Überlieferung nach gründete Herakles die Stadt auf dem Rückweg aus Iberien; archäologisch beginnt sie im Umfeld der Osker, Griechen und Samniten, die den Golf von Neapel teilten. Der Platz war klug gewählt: ein Vorsprung aus älterem Vulkangestein, rund zwanzig Meter über dem Meer, mit zwei Bächen als Grenzen und einem Strand zu Füßen. Das rechtwinklige Straßennetz aus Cardines und Decumani, das du heute abschreitest, ist ein Erbe dieser vorrömischen Planung.

Quelle: Parco Archeologico di Ercolano · The Story
0289 v. Chr.Municipium

Römisch, wohlhabend, klein.

Im Bundesgenossenkrieg stellte sich Herculaneum gegen Rom und wurde 89 v. Chr. erobert; danach war es ein Municipium mit römischem Bürgerrecht. Die Stadt blieb klein, etwa 4.000 Menschen auf zwanzig Hektar, aber sie wurde reich: Senatoren und Ritter bauten Villen mit Meerblick, allen voran die Villa dei Papiri westlich der Mauern mit ihrer Bibliothek und ihren Bronzen. Der Prokonsul Marcus Nonius Balbus stiftete Bauten und bekam einen Altar auf der Terrasse über dem Strand.

Quelle: Parco Archeologico di Ercolano · The Story
0362 n. Chr.Erdbeben

Die Warnung, die niemand verstand.

Ein schweres Erdbeben erschütterte 62 n. Chr. die Städte am Vesuv. In Herculaneum wurde gebaut und repariert, siebzehn Jahre lang; dass der Berg dahinter ein Vulkan war, wusste niemand mehr. Die Wohnungen, Läden und Bäder, die du heute siehst, zeigen vielfach diesen letzten Zustand: frisch verputzt, halb umgebaut, mitten im Alltag.

Quelle: Parco Archeologico di Ercolano · The Story
0479 n. Chr.Untergang

Die Nacht der Glutströme.

Als der Vesuv ausbrach, trieb der Wind den Bimsstein nach Pompeji; über Herculaneum fiel am ersten Tag nur wenig. Viele flohen, andere warteten am Strand und in den Bootshäusern auf Rettung vom Meer. In der Nacht kamen die Glutwolken: nach Angaben des Parks rund 400 Grad heiß und schneller als 80 Kilometer pro Stunde, danach Schlammströme, die die Stadt unter etwa zwanzig Metern begruben. Die Hitze verkohlte Holz und Papyrus, statt sie zu verbrennen; darum ist Herculaneum besser erhalten als Pompeji.

Quelle: Parco Archeologico di Ercolano · The Eruption
051709–1765Tunnel

Der Brunnen, der ein Theater traf.

1709 stieß ein Brunnenschacht des Prinzen d’Elbeuf in Resina auf Marmor und Statuen: das antike Theater. Ab 1738 ließ König Karl von Bourbon durch Tunnel graben; Statuen, Bronzen und Wandbilder gingen in die königliche Sammlung nach Portici und Neapel. 1750 traf man auf die Villa dei Papiri, deren Grundriss der Schweizer Ingenieur Karl Weber 1754 zeichnete; dann wurden die Stollen aufgegeben. Das Theater ist bis heute nur unterirdisch zu sehen.

Quelle: Parco Archeologico di Ercolano · Villa of the Papyri
061828–1958Freilegung

Maiuri holt die Stadt ans Licht.

Erst 1828 begann man, unter freiem Himmel zu graben, bis 1875; dann ruhte alles. 1927 nahm Amedeo Maiuri die Arbeit wieder auf und leitete sie bis 1958: Er legte den Kern der Stadt mit dem Meerfront frei, rund viereinhalb Hektar, ließ Holz konservieren und Häuser mit ihren Obergeschossen sichern. Der Rest, das Forum, die Basilika, die meisten Tempel, liegt unter Ercolano.

Quelle: Parco Archeologico di Ercolano · The Story
071980–1982Bootshäuser

Am Strand warteten sie auf die Boote.

Lange galt Herculaneum als die Stadt, aus der alle entkommen waren. Dann fanden Ausgräber ab 1980 in den zwölf Gewölben am antiken Strand die Skelette von rund 300 Menschen, dicht gedrängt, mit Schmuck, Münzen und Werkzeug. Am 3. August 1982 tauchte vor den Vorstadtthermen der Kiel eines über neun Meter langen Bootes aus dem Vulkanschlamm auf, wohl ein Militärboot, das Hilfe brachte. Wie die Menschen starben, ob im Sekundenbruchteil oder in Minuten, diskutiert die Forschung bis heute.

Quelle: Parco Archeologico di Ercolano · Antiquarium and Boat Pavilion
082001 bis heuteKonservieren

Der Strand ist wieder offen.

Seit 2001 arbeitet das Herculaneum Conservation Project, eine Partnerschaft des Packard Humanities Institute mit dem Park, an Entwässerung, Dächern und Wandbildern; die Grabung selbst wurde zugunsten des Erhalts weitgehend eingestellt. 2024 wurde der antike Strand mit den Bootshäusern für Besucher geöffnet. Und die verkohlten Papyrusrollen der Villa werden inzwischen ohne Öffnen gelesen: 2026 wurde die erste Rolle vollständig entziffert.

Quelle: Herculaneum Conservation Project (Packard Humanities Institute, seit 2001)
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Genauer hinsehen

Ein Unterschied im Material.

Pompeji versank unter Bimsstein und Asche, die vom Himmel fielen; Dächer brachen ein, Obergeschosse verschwanden. Herculaneum erreichten in der Nacht Glutströme, die alles einhüllten und zu einem harten, tuffähnlichen Gestein erstarrten. Holz, Stoffe, Brot, Papyrus wurden bei Temperaturen von mehreren hundert Grad ohne Sauerstoff verkohlt statt verbrannt. So blieben Türen, Treppen, Betten und die einzige Bibliothek der Antike erhalten.

Quelle: Parco Archeologico di Ercolano · The Eruption
Was der Befund nicht zeigt
Die Temperaturangaben schwanken je nach Methode zwischen etwa 250 und 500 Grad; sie stammen aus Untersuchungen an Knochen, Holz und Vulkangestein, nicht aus Augenzeugenberichten.
Worauf du beim Besuch achten kannst
Schau in den Häusern nach oben: In Herculaneum stehen Obergeschosse, hölzerne Balkone und verkohlte Türrahmen, die es in Pompeji nicht gibt. Am antiken Strand siehst du die Bogenreihe der Bootshäuser, in denen die Menschen gefunden wurden; die Abgüsse darin sind Nachbildungen, die Knochen liegen im Depot.
Quelle: Archaeology News · Ancient Roman beach at Herculaneum reopens to the public (June 2024)

Den Ort lesen

Hinter die Oberfläche.

Gebäude und Funde erzählen mehr, wenn wir ihre Zusammenhänge betrachten. Diese Lesespuren verbinden den Befund mit Fragen für deinen Besuch.

01

Wie starben die Menschen in den Bootshäusern?

In den zwölf Gewölben am antiken Strand fanden Ausgräber ab 1980 rund 300 Skelette. Eine Studie in Nature untersuchte 2001 achtzig von ihnen und schloss aus Knochenrissen, Zahnschmelz und den Körperhaltungen auf einen Tod durch Hitzeschock bei etwa 500 Grad, in Sekundenbruchteilen. 2020 kam eine Neubewertung in Antiquity zu einem anderen Bild: Kollagen und Knochenstruktur seien zu gut erhalten für solche Temperaturen; Weichgewebe und die Steingewölbe hätten die Hitze gepuffert, die Menschen seien eher langsam erhitzt worden. 2023 rechneten Vulkanologen vor, dass schon eine kurzlebige, abgelöste Aschewolke von einigen hundert Grad tödlich war.

Befund / Quelle: Martyn et al. · A re-evaluation of manner of death at Roman Herculaneum, Antiquity 94 (2020)

Drei Methoden, drei Bilder desselben Ereignisses: Die Knochen sagen etwas über die Temperatur am Körper, die Vulkanablagerungen etwas über die Wolke, die Haltungen etwas über die letzten Sekunden. Wer die Bootshäuser besucht, sieht Nachbildungen der Skelette; die Frage, wie viel Zeit diesen Menschen blieb, ist nicht abschließend beantwortet.

Was sich daraus nicht sicher ableiten lässt

Alle drei Studien arbeiten mit Teilproben und Modellen. Eine Temperaturangabe ohne Nennung der Methode ist bei Herculaneum immer verkürzt.

02

Die Bibliothek, die niemand öffnen konnte.

Die Villa dei Papiri, 1750 durch Bourbonen-Tunnel entdeckt, enthielt mehr als 1.800 verkohlte Papyrusrollen, die einzige erhaltene Bibliothek der Antike, wohl Schriften des Epikureers Philodemos. Jahrhundertelang zerbrachen die Rollen beim Versuch, sie zu entrollen. Seit 2023 sucht der Wettbewerb Vesuvius Challenge nach Wegen, sie im Computertomografen zu lesen: Innerhalb eines Jahres wurden erste Passagen sichtbar, 2026 wurde mit PHerc. 1667 die erste Rolle von Anfang bis Ende virtuell entrollt und gelesen.

Befund / Quelle: Vesuvius Challenge · Reading the Herculaneum scrolls without opening them

Die Villa selbst bleibt unter Ercolano und ist derzeit geschlossen. Was von ihr zu sehen ist, steht in Neapel: die Bronzen im Nationalmuseum, die Rollen in der Biblioteca Nazionale. Wer im Park vor dem Zaun zur Villa steht, schaut auf eine Bibliothek, die gerade erst zu sprechen beginnt.

Was sich daraus nicht sicher ableiten lässt

Von den 1.800 Rollen sind bisher nur wenige vollständig lesbar. Ob unter der Villa noch weitere Bibliotheksräume liegen, wie manche Forscher vermuten, ist nicht ergraben.

03

Warum Herculaneum besser erhalten ist als Pompeji.

Die UNESCO beschreibt es knapp: Pompeji wurde von Asche und Lapilli verschüttet, Herculaneum verschwand unter pyroklastischen Strömen. Die Folge sieht man an den Obergeschossen, Holztreppen, Türen und Betten, die hier stehen, und an den verkohlten Lebensmitteln im Antiquarium. Zugleich liegt der größte Teil der Stadt, darunter Forum und Basilika, unter dem modernen Ort und ist nur über die Tunnel des 18. Jahrhunderts bekannt.

Befund / Quelle: UNESCO · Archaeological Areas of Pompei, Herculaneum and Torre Annunziata

Besser erhalten heißt nicht vollständiger ausgegraben: Von Herculaneum sind etwa viereinhalb Hektar offen, von Pompeji 44. Wer beide Städte vergleichen will, sieht in Pompeji die Stadt, in Herculaneum das Haus.

Was sich daraus nicht sicher ableiten lässt

Wie viel unter Ercolano noch liegt, ist geschätzt; die UNESCO zählt diese Bereiche überwiegend nicht zum Welterbe. Eine vollständige Freilegung ist weder geplant noch technisch absehbar.

Besuch planen

Gib Herculaneum einen halben Tag.

Der Park ist täglich geöffnet, im Sommer bis 19:30 Uhr, im Winter bis 17 Uhr; Tickets gibt es online bei CoopCulture oder an der Kasse am Corso Resina. Von Neapel bist du mit der Circumvesuviana in gut zwanzig Minuten am Bahnhof Ercolano Scavi, von dort sind es zehn Minuten zu Fuß bergab.

Die Villa dei Papiri ist wegen Grabungs- und Sicherungsarbeiten geschlossen, das Theater nur zu Sonderführungen zugänglich. Der antike Strand kann bei Arbeiten stundenweise gesperrt sein; frag an der Kasse.

Werbelink: Bei einer Buchung über GetYourGuide können wir eine Provision erhalten. Die historische Darstellung bleibt davon unabhängig.

Besuchsquellen geprüft am 24. September 2026. Preise und Verfügbarkeit beim Anbieter.

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Herculaneum.

Quellen und Einordnung

Die Texte verbinden veröffentlichte Forschung mit einer redaktionellen Erklärung. Datierungen sind teilweise Näherungen. Fotos zeigen dokumentierte Erhaltungszustände. Eine facharchäologische Begutachtung steht noch aus.

  1. Quelle: UNESCO · Archaeological Areas of Pompei, Herculaneum and Torre Annunziata
  2. Quelle: Parco Archeologico di Ercolano · The Story
  3. Quelle: Parco Archeologico di Ercolano · The Eruption
  4. Quelle: Parco Archeologico di Ercolano · Villa of the Papyri
  5. Quelle: Parco Archeologico di Ercolano · Antiquarium and Boat Pavilion
  6. Quelle: Herculaneum Conservation Project (Packard Humanities Institute, seit 2001)
  7. Quelle: Parco Archeologico di Ercolano · Tickets
  8. Quelle: Archaeology News · Ancient Roman beach at Herculaneum reopens to the public (June 2024)
Bilder und Nutzungsrechte

Die Ausgrabung von Herculaneum von der Zugangsrampe aus: unten die Bootshäuser am antiken Strand, darüber die Terrasse des Marcus Nonius Balbus, die Stadt und der Vesuv; oben das heutige Ercolano. Aufnahme vom 27. März 2023. Diego Delso / Wikimedia Commons · CC BY-SA 4.0. Auf 1600 Pixel Breite verkleinert und als WebP komprimiert; kein Beschnitt, keine inhaltliche Veränderung. Ausschnitt je nach Bildschirm. Abgeleitete Fotografie unter derselben Lizenz.

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