Innenraum des Kolosseums von oben: das Gewirr der Hypogäum-Mauern in der Arena, umgeben von den erhaltenen Rängen unter bewölktem Himmel.
Blick vom oberen Zuschauerrang in das Kolosseum: freigelegtes Hypogäum, der teilweise rekonstruierte Arenaboden und die gegenüberliegenden Ränge. Aufnahme vom 15. September 2022. Diego Delso · CC BY-SA 4.0

Italien · Rom

Kolosseum.
Ein Tal, viele Zeiten.

Von oben siehst du ein Gewirr von Mauern, wo einst der Arenaboden lag. Das Bild ist vertraut und doch das Ergebnis von zwei Jahrtausenden: Bau, Spiele, Beben, Steinbruch, Weihe, Ausgrabung. Die Zeitreise beginnt mit der Frage, was hier eigentlich freiliegt.

80n. Chr.
Auswahl: 500 v. Chr.–1500 n. Chr.7 Kapitel
Die Geschichte
Kolosseum, Forum Romanum und Palatin gehören zusammen.

Das Amphitheater steht in einem Tal zwischen den Hügeln Roms. Forum Romanum und Palatin liegen in Sichtweite und teilen sich mit ihm die Parkverwaltung und das UNESCO-Welterbe der römischen Altstadt. Wer das Kolosseum verstehen will, liest es zusammen mit seinem Umfeld. Quelle: UNESCO · Historic Centre of Rome

Zeitsprünge

Kein Ort
bleibt stehen.

Wähle eine Phase. Die Geschichte verändert sich mit der Zeit.

01Um 500 v. Chr.Das Forum

Ein Tal, noch ohne Amphitheater.

Zur Zeit der frühen Republik ist das Forum Romanum bereits entwässert und bebaut: seit dem späten 7. Jahrhundert v. Chr. wächst dort das Zentrum des öffentlichen Lebens, das es über tausend Jahre bleiben wird. Das Tal des späteren Kolosseums liegt daneben; von einem Amphitheater fehlt jede Spur.

Quelle: Parco archeologico del Colosseo · The Roman Forum
0264–80 n. Chr.Vom See zur Arena

Wo Nero einen See anlegte.

Nach dem Brand von 64 lässt Nero die Domus Aurea bauen; in ihrem Garten sammelt ein künstlicher See das Wasser der umliegenden Hügel. Genau dort beginnt Vespasian in den 70er-Jahren das Amphitheater, Titus eröffnet es im Jahr 80. Domitian fügt den obersten Rang hinzu und lässt unter der Arena Magazine einrichten.

Quelle: Treccani · Enciclopedia Italiana, Colosseo (G. Lugli, 1931)
035.–6. JahrhundertLetzte Spiele

Der Betrieb läuft aus.

Bis in die Spätantike bleibt das Kolosseum ein Ort für Tierhetzen und Gladiatorenkämpfe. 438 lässt Valentinian III. die Gladiatorenspiele abschaffen; danach setzt ein langsamer, stetiger Niedergang ein. Das Gebäude bleibt stehen, verliert aber seine Aufgabe.

Quelle: Parco archeologico del Colosseo · The Colosseum
051749/1750Weihe

Vom Steinbruch zum Andachtsort.

Über Jahrhunderte dient die Ruine als Steinbruch, Werkstatt und Stall. Seit dem 16. Jahrhundert gilt sie in der Überlieferung als Stätte christlicher Märtyrer; 1750 weiht Benedikt XIV. das Kolosseum der Passion Christi und stellt vierzehn Kreuzwegstationen auf. Der Steinbruch endet, das Monument bekommt eine neue Bedeutung.

Quelle: Vatican News · Via Crucis al Colosseo (2025)
061811–1874Ausgrabung

Der Boden ist tiefer als gedacht.

Carlo Fea, Antikenkommissar in Rom, lässt ab 1811 die Arena freilegen; Grundwasser stoppt die Arbeiten. Als 1813 Mauern unter der Arena zutage kommen, hält Fea sie für spätere Zutaten und die Arena für ebenerdig: ein Irrtum, wie sich zeigt. Erst 1874 und endgültig in den 1930er-Jahren wird das Hypogäum vollständig freigelegt.

Quelle: Treccani · Dizionario Biografico degli Italiani, Carlo Fea
071996 bis heuteForschung

Rillen, Löcher und Winden.

Seit 1996 vermisst ein deutsch-italienisches Team um Heinz-Jürgen Beste das Hypogäum Stein für Stein. Aus Rillen, Kanälen und Balkenlöchern rekonstruiert es Winden, Aufzüge und Rampen für Tiere und Kulissen. Seit 2010 ist der Untergrund für Besucher geöffnet; der Arenaboden darüber ist eine moderne Teilrekonstruktion.

Quelle: Smithsonian Magazine · Secrets of the Colosseum (H.-J. Beste, DAI Rom)
Wischen oder blättern

Genauer hinsehen

Die Sitzordnung ist in den Stein geschrieben.

Der Eintritt war frei, der Platz jedoch nicht frei wählbar. 76 nummerierte Bögen führten in das Gebäude, 29 Nummern sind an der Nordseite noch lesbar. Innen leiteten markierte Wege zu den Rängen: unten die Senatoren, dahinter die Ritter, darüber die weiteren Ränge bis zu den hölzernen Sitzen der Plebs unter dem Säulengang ganz oben.

Quelle: Parco archeologico del Colosseo · The Cavea of the Colosseum and the Belvedere Terrace
Was der Befund nicht zeigt
Nummern und Wegmarken belegen ein Leitsystem, nicht die Besetzung eines bestimmten Spieltages. Wer wann tatsächlich wo saß, lässt sich aus dem Bau allein nicht ablesen.
Worauf du vor Ort achten kannst
Frage beim Blick in die Arena: Ist das Boden oder Mauerwerk? Der helle Belag am Rand ist eine moderne Teilrekonstruktion des Arenabodens; die Gänge darunter sind antik, aber erst im 20. Jahrhundert freigelegt. Ein Foto zeigt deshalb einen Zustand, den kein antiker Zuschauer je gesehen hat.
Quelle: Smithsonian Magazine · Secrets of the Colosseum (H.-J. Beste, DAI Rom)

Den Ort lesen

Hinter die Oberfläche.

Gebäude und Funde erzählen mehr, wenn wir ihre Zusammenhänge betrachten. Diese Lesespuren verbinden den Befund mit Fragen für deinen Besuch.

01

Eine Maschine, von der nur die Kerben blieben.

Im Hypogäum dokumentierte das Team um Heinz-Jürgen Beste halbrunde Aussparungen in den Mauern, paarweise senkrechte Kanäle, Löcher mit Bronzeringen im Boden und schräge Schlitze. Es deutet sie als Platz für Spillwinden, als Führungen für Käfige und Plattformen, als Lager der Wellen und als Auflager für Rampen. Vier Hauptbauphasen ließen sich unterscheiden; der Parco nennt einen hölzernen Unterbau zur Eröffnung, der unter Domitian in Mauerwerk übersetzt wurde.

Befund / Quelle: Smithsonian Magazine · Secrets of the Colosseum (H.-J. Beste, DAI Rom, 2011)

Lies die Mauern unter der Arena nicht als Gänge, sondern als Negativabdruck einer Anlage aus Holz, Seil und Metall. Jede Rille hatte ein Gegenstück, das verschwunden ist. Die Forschenden haben aus diesen Spuren Modelle gebaut und geprüft, ob sich Käfig, Winde und Rampe tatsächlich zusammenfügen. So entsteht aus einem verwirrenden Grundriss ein Ablauf: Tiere unten im Dunkel, Männer an den Winden, Kulissen, die aus dem Boden steigen. Das Foto von oben zeigt die Bühne ohne ihre Technik.

Was sich daraus nicht sicher ableiten lässt

Die Zahl der Winden und die genaue Mechanik sind Rekonstruktionen aus Spuren und Schriftquellen, keine erhaltenen Maschinen. Welche Anlage in welcher Bauphase lief und welche Vorführung an einem bestimmten Tag stattfand, lässt sich daraus nicht ableiten.

02

Ein Dach aus Stoff, das nur im Stein überlebt.

Unterhalb des oberen Gesimses sitzen vorspringende Konsolen, auf denen nach Lugli die Masten des Velariums auflagen, der Sonnensegel für die Zuschauer. Schriftquellen verbinden die Bedienung mit Matrosen der Flotte von Misenum. Von Stoff, Holz und Tauwerk ist nichts erhalten.

Befund / Quelle: Treccani · Enciclopedia Italiana, Colosseo (G. Lugli, 1931)

Suche auf dem Foto den obersten Mauerring und stell dir darüber einen Kranz von Masten vor. Das Velarium ist ein Fall für indirektes Sehen: Der Befund ist eine Reihe von Auflagern, die ohne ihre Last keinen Sinn ergibt. Erst zusammen mit den Texten wird daraus ein Segel. Wie weit es die Arena überspannte und wie es gespannt wurde, ist Gegenstand konkurrierender Modelle, auch bei den historischen Holzmodellen des Baus.

Was sich daraus nicht sicher ableiten lässt

Konsolen belegen eine Konstruktion an dieser Stelle, nicht deren Form. Ein durchgehendes Dach, ein Ring aus Segeltuch oder einzelne Bahnen sind verschiedene Deutungen desselben Befunds.

03

Warum die Südseite tiefer liegt.

Eine geologische Untersuchung des Untergrunds zeigt unter der Südhälfte des Kolosseums ein holozänes Schwemmtal, unter der Nordhälfte festeren Grund. Die historisch überlieferten Erdbebenschäden konzentrieren sich auf den Süden; die Autoren führen das auf die Verstärkung der Bodenbewegung in den weichen Sedimenten zurück. Der Zivilschutz nennt Schäden um 500, das schwere Beben von 1349 und den Verlust von Bögen an der Südseite 1703.

Befund / Quelle: Funiciello, Lombardi, Marra, Parotto · Seismic damage and geological heterogeneity in Rome’s Colosseum area (1995)

Vergleiche auf dem Foto die hohe Nordseite mit der niedrigen Südseite. Die vertraute Silhouette ist damit auch eine Karte des Untergrunds: Derselbe Erdstoß trifft die beiden Hälften verschieden. Steinraub kommt hinzu, denn eingestürzte Blöcke lagen bereit und wurden weggeführt. So wird aus einem berühmten Umriss eine Abfolge von Ursachen, die sich gegenseitig verstärkt haben.

Was sich daraus nicht sicher ableiten lässt

Die Geologie erklärt, warum Schäden ungleich verteilt sind; sie datiert keinen einzelnen Einsturz. Welcher Bogen bei welchem Beben fiel und was davon später abgetragen wurde, muss aus Bauforschung und Schriftquellen getrennt beantwortet werden.

Besuch planen

Kolosseum, Forum und Palatin planen.

Der Parco archeologico del Colosseo verkauft die Tickets selbst und verlangt für das Kolosseum ein gebuchtes Zeitfenster; der Verkauf beginnt 30 Tage im Voraus. Arena und Untergrund sind nur in bestimmten Ticketarten enthalten.

Tickets sind auf den Namen ausgestellt und nur mit Ausweis gültig. Prüfe bei jedem Angebot, ob Arena, Untergrund oder Attika tatsächlich enthalten sind; ein Standardticket führt nur auf den ersten und zweiten Rang. Forum und Palatin sind ein eigener Zugang mit eigener Öffnungszeit.

Werbelink: Bei einer Buchung über GetYourGuide können wir eine Provision erhalten. Die historische Darstellung bleibt davon unabhängig.

Besuchsquellen geprüft am 24. September 2026. Preise und Verfügbarkeit beim Anbieter.

Weiter erkunden

Mehr von
Kolosseum.

Quellen und Einordnung

Die Texte verbinden veröffentlichte Forschung mit einer redaktionellen Erklärung. Datierungen sind teilweise Näherungen. Fotos zeigen dokumentierte Erhaltungszustände. Eine facharchäologische Begutachtung steht noch aus.

  1. Quelle: UNESCO · Historic Centre of Rome
  2. Quelle: Parco archeologico del Colosseo · The Roman Forum
  3. Quelle: Treccani · Enciclopedia Italiana, Colosseo (G. Lugli, 1931)
  4. Quelle: Parco archeologico del Colosseo · The Colosseum
  5. Quelle: Dipartimento della Protezione Civile · Historical earthquakes and the Colosseum
  6. Quelle: Vatican News · Via Crucis al Colosseo (2025)
  7. Quelle: Treccani · Dizionario Biografico degli Italiani, Carlo Fea
  8. Quelle: Smithsonian Magazine · Secrets of the Colosseum (H.-J. Beste, DAI Rom)
  9. Quelle: Parco archeologico del Colosseo · The Cavea of the Colosseum and the Belvedere Terrace
  10. Quelle: Parco archeologico del Colosseo · Opening Times and tickets
Bilder und Nutzungsrechte

Blick vom oberen Zuschauerrang in das Kolosseum: freigelegtes Hypogäum, der teilweise rekonstruierte Arenaboden und die gegenüberliegenden Ränge. Aufnahme vom 15. September 2022. Diego Delso / Wikimedia Commons · CC BY-SA 4.0. Auf 1600 Pixel Breite verkleinert und als WebP komprimiert; kein Beschnitt, keine inhaltliche Veränderung. Ausschnitt je nach Bildschirm. Abgeleitete Fotografie unter derselben Lizenz.

Barlow OFL · Manrope OFL