
Tagebuch 1 / 5 · um 450 n. Chr. · ein Morgen
Teotihuacán um 450 n. Chr.: Die größte Stadt Amerikas
Du hängst in der Luft, ein paar hundert Meter über der Ciudadela, und schaust nach Norden. Unter dir liegt die größte Stadt, die es zu dieser Zeit auf dem amerikanischen Kontinent gibt: mehr als 100.000 Menschen auf über 20 Quadratkilometern, in weit über 2.000 Wohnkomplexen, die wie ein Raster um die Straße der Toten liegen. Alles, was du an Stein siehst, ist verputzt und bemalt, meist in diesem tiefen Rot. Grau ist hier nichts.
Die Straße selbst ist 40 Meter breit und rund fünf Kilometer lang; von der Ciudadela bis zum Platz vor der Mondpyramide steigt sie um 27 Meter an, in Stufen aus versenkten Plätzen. Rechts unten die Ciudadela, ein Hof von 400 mal 400 Metern, in den 100.000 Menschen passen. Ihr Tempel der Gefiederten Schlange ist seit hundert Jahren hinter der glatten roten Adosada-Plattform verborgen, die man um 350 davorgesetzt hat. Warum, weiß niemand. Rechts die Sonnenpyramide, 65 Meter hoch, seit zwei Jahrhunderten fertig. Und wie diese Leute ihre Stadt nannten? Wir wissen es nicht. Ihre Schrift ist nicht entziffert.
Das INAH, heute
„Es gibt einen Moment bei jedem Besuch, in dem die Aufmerksamkeit von den Bauten weg wandert, hin zu dem Raum, der zwischen ihnen liegt. Dieser Raum ist die Straße der Toten: eine Avenue von vierzig Metern Breite und rund fünf Kilometern Länge.“
Bild: KI-Vision auf Grundlage eines Luftbilds von Ralibreros112 (CC BY-SA 4.0), keine wissenschaftliche Rekonstruktion.



